Bundesliga 2004/2005, 13. Spieltag, Sonntag, 14.11.04 im Rostocker Ostseestadion. Kalt wars... 

FC Hansa Rostock - Hamburger SV 0:6 (0:3)

Jetzt  muß ich mich richtig sputen beim Schreiben, denn die halbe Rückfahrt haben wir schon bewältigt, da ich den Rekord meines höchsten gesehenen Auswärtssieges eingestellt habe und dieses ausgiebig mit SMS an Freunde feiern mußte, indem ich Ihnen mitteilte, daß ich jetzt unbedingt eine Frau zum Helden zeugen benötige...

6:0 auswärts ist schon unglaublich. Ich meine, daß ich mal ein 6:0 Auswärtssieg in Duisburg gesehen habe. Aber das ist schon lange her.

Die Aufstellung war nur mittel-toll, denn Mpenza war offensichtlich nicht gesund geworden. So spielte Moreira hinter den Spitzen und Barbarez rückte etwas weiter nach vorne, wobei er in meinem Augen auch nicht so ganz richtig als Stürmer spielte, sondern ein wenig dahinter.

Das Spiel ging ganz munter los, doch Rostock schoß das 1. Tor. Das wurde allerdings wegen Abseits nicht gegeben. Dann schossen wir ein Tor, das auch keine Geltung geewährt bekam. Ein Hamburger soll im gegnerischen Strafraum gefoult haben, wobei wir zur Halbzeit SMS bekamen, daß da nix war. Also hat der Schiri uns das siebte Tor geklaut... ;-)  Aber da wollen wir mal den Mantel der Verschwiegenheit drüber decken.

Ich muß ganz klar sagen, daß es mir sehr schwer fällt, die einzelnen Tore zusammen zu bekommen.

Das 1:0 köpfte Benjamin nach einer Freistoßflanke von Beinlich. Den Freistoß hatte Jarolim m.E. herausgeholt. Bei der Szene liefen die Kopfballstarken wie van Buyten alle plötzlich zum kurzern Pfosten. Ich war mich, ob sie den Ball dort verlängern wollten oder ob sie nur die Mitte frei machen wollten. Jedenfalls schoss Collin das 1:0, nachdem er gar nicht so lange zuvor erst für den verletzten Schlicke eingewechselt wurde.

Das 2:0 machte dann Jarolim. Er war rechts einigermaßen frei im Strafraum und konnte sich wieder nicht entschließen, aufs Tor zu schießen. Schließlich tat er es dann notgedrungen doch und hatte wohl das Glück, das der Ball abgefälscht wurde.

Das stimmte natürlich schon mal sehr hoffnungsfroh. Richtig gut und langsam siegessicher konnte man dann mit dem 3:0 werden. Nicht nur, daß es sehr wichtig war, mit 3 Toren Vorsprung in die Pause zu gehen; es war auch einfach ein Spitzentor. Naohiro Takahara schoss aus der Drehung scheinbar direkt in den Winkel. Sah jedenfalls so aus von der anderen Seiten.

So gingen wir mit 3:0 in die Pause. Und obwohl ich normalerweise nicht so überschwenglich bin und immer noch Angst habe, daß sich das Blatt wendet, habe ich diesmal doch zur Halbzeit eine SMS an ganz viele Freunde gesendet, daß es ja beim HSV bisher sehr schuckelig laufe. Gott sei dank habe ich mich da nicht zu weit aus dem Fenster gelehnt!

Das 4:0 schoß dann Moreira, der mir ingesamt aber doch nicht so toll gefiel. Barbarez hatte ihm den Ball auf den Kopf vorgelegt von links. Danach war erneut Jarolim an der Reihe. Er konnte den Ball erobern und lief allein auf den Torwart zu. Zum Feiern kam er zu uns in die Kurve und die Mannschaft feierte im „Kreis“ den 5. Treffer. 

Das 6. Tor war dann gleichsam auch der schönste Treffer für mich am heutigen Abend, weil er toll herausgespielt wurde. Van Buyten holte sich in der Abwehr den Ball und bereits dort wurde mit einer tollen Kombination gespielt, die auch nur in diesem sicheren Gefühl des Sieges gelingt. Dann lief er mit dem Ball nach vorne und bediente den halblinks stehenden Barbarez. Barbarez flankte schließlich in die Mitte und ich denke, daß er dabei auch Van Buyten treffen wollte. Aber der eingewechselte Romeo kam ihm zuvor und machte das 6:0. Wie endgeil!

Sicherlich kann man sich vorstellen, wie geil die Stimmung unter den mitgereisten HSV-Fans war. Und dabei hatte ich vor dem Spiel gar kein gutes Gefühl. Hansa hatte zwar noch kein einziges Heimspiel dieser Saison gewonnen, aber der HSV ist ja leider auch bekannt dafür, daß er solche Serien gern großzügig brechen läßt. Diesmal jedoch nicht und somit nahm der Rostocker Trainer Juri Schlünz nach diesem Debakel seinen Hut, wie es soeben im Radio berichtet wurde. Den Abstieg gönne ich Hansa ja auch nicht. Ist doch schließlich das nächst.gelegene Auswärtsspiel. Und wo doch in ein paar Wochen die Autobahn A20 endlich fertiggestellt wird.. ;-)

Hansa hatte zwar so einige Torschüsse, aber richtig drückend waren sie wirklich nie. Der HSV spielte zunächst gut und gegen Mitte/Ende der 2. Halbzeit gelangen dann auch unglaubliche Dinge. Das sah schon alles sehr gut aus.

Nach dem Spiel wurden Mannschaft und Trainer natürrlich gebührend gefeiert, wobei ich schon sagen muß, daß ich finde, daß es nur sehr wenig HSV-Fans waren, die sich diesmal auf den Weg nach Rostock gemacht hatten. Mir kam der Block sonst auch oben viel voller vor. Leider kam Thomas Doll erstmals zum Feiern nicht so ganz zum Fanblock hin. Vielleicht wollte er das diesmal einfach nicht. Aber vielleicht tut ihm Hansa auch leid, denn das ist ja „sein“ Verein neben dem HSV. Und mit Schlünz hatte er glaube ich sogar noch zusammen gespielt vorher.

Nun kommt am nächsten Sonntag der aktuelle Tabellenführer Wolfsburg zum HSV. Erstmals verspricht dieses Spiel ein Spitzenspiel zu werden, denn Wolfsburg war ja noch nie so gut. Und den HSV muß man wohl, trotz des Ausrutschers gegen Schalke, auch als eine der Mannschaften der Stunde bezeichnen:

Meine Spielerbewertung:

Pieckenhagen: natürlich hatte er nicht so unendlich viel zu tun, aber ich fand eigentlich, daß es für ein 6-0 doch eine ganze Menge Schüsse waren, die er aufs Tor bekommen hatte. Am Ende verhinderte er sogar noch großartig das 6-1: Note 2

Schlicke: spielte nur so kurz, daß man ihn nicht vernünftig bewerten kann: Note –

Benjamin: fügte sich in die Rolle des rechten Außenverteidigers gut ein, wenn ich ihn auch nicht sonderlich auffallend fand. Eröffnete den Torreigen: Note 3

Klinbeil: Mister Zuverlässig traute sich heute im Rausch des Sieges doch glattweg auch mal zu einigen Offensiv-Aktionen. Sehr schön: Note 3+

Boulahrouz: die Innenverteidigung brillierte heute erneut. In der 1. Halbzeit war Boulahrouz für mich der beste Mann auf dem Feld und war sogar an einem der Tore durch seinen Offensivdrang beteiligt. Ich sagte auch schon zur Halbzeit, daß er mir defensiv jetzt schon so gut gefallen wie Ujfalusi in seinen besten Zeiten; aber er geht auch mit nach vorne: Note 1

Van Buyten: wechselte sich wohl mit Boulahrouz ab. Nach dem der Niederländer in der 1. Halbzeit für mich überragend war, übernahm Van Buyten jetzt die Rolle des auffälligsten Spielers. Immer wieder schaltete er sich offensiv ein und wollte offenbar sehr gern „sein“ Tor machen. Das gelang zwar nicht, aber trotzdem: Note 1

Wicky: War für mich heute einer der unauffälligsten Spieler, obwohl er auch viele Bälle im Mittelfeld verteilte: Note 3+

Beinlich: Seine Freistöße sorgen immer wieder für Gefahr: Note 3+

Jarolim: Kein überragendes Spiel von ihm, sondern eher ein „gewöhnlich“ gutes. Aber das er sich 2 mal in die Torschützenliste eintragen darf, hatte er vermutlich auch noch nie: Note 2

Moreira: Trotz seines Tore fand ich ihn nicht so berauschend. Spielte allerdings trotzdem ordentlich und fiel auch keinesfalls ab: Note 3

Barbarez: 2 Tore hat er mindestens vorbereitet. Überhaupt sehr einsatzfreudig: Note 2

Takahara: eigentlich heute auch unauffälliger als sonst. Hat sich eben die Kraft gespart, um mal einen richtigen Torschuss zu landen ;-) Note 3+

Schiri Jansen: Normalerweise mag ich den ganz gern, aber heute fand ich seine Entscheidungen manchmal sehr seltsam. Mit dem Handspiel stand er jedenfalls auf Kriegsfuß. Und mit Almami Moreira auch.... Es war aber ja glückliccherweise ein sehr faires Spiel. Note 4

Tabelle des Spieltages

Mailt mir auch Euren Kommentar.
Ich pinne ihn dann hier unten dran und Ihr könnt noch in Jahren lesen, was Euch einstmals bewegte.



 
kicker: 
Hansa Rostock:  Schober - Möhrle, Persson, Hill - Lantz - D. Rasmussen, Rydlewicz, T. Rasmussen - Arvidsson, di Salvo, Prica - Trainer: Schlünz

Hamburger SV:  Pieckenhagen - Schlicke, Boulahrouz, van Buyten, Klingbeil - Wicky - Jarolim, Beinlich - Moreira - Barbarez, Takahara - Trainer: Doll

Tore:   0:1 Benjamin (20., Kopfball, Vorarbeit Beinlich), 0:2 Jarolim (35., Rechtsschuss, Boulahrouz), 0:3 Takahara (42., Linksschuss, Moreira), 0:4 Moreira (47., Rechtsschuss, Barbarez), 0:5 Jarolim (63., Rechtsschuss), 0:6 Romeo (83., Kopfball, Barbarez)

Eingewechselt:   69. Lapaczinski für Lantz, 77. Maul für T. Rasmussen - 13. Benjamin für Schlicke, 66. Romeo für Takahara, 77. Mahdavikia für Moreira

Schiedsrichter:  Jansen 

Zuschauer:  18000

Gelbe Karten:  Arvidsson, T. Rasmussen, Möhrle - Moreira, Barbarez
 

Spielbericht
Juri Schlünz stellte sein Team im Vergleich zur 0:4-Schlappe beim VfB Stuttgart am vergangenen Sonntag auf zwei Positionen um: Sebastian und Allbäck blieben draußen, David Rasmussen und Arvidsson kamen in die Partie. HSV-Coach Thomas Doll verzichtete gegenüber der 1:2-Heimniederlage gegen den FC Schalke 04 am vergangenen Sonntag auf Mpenza und brachte stattdessen Moreira.

Hansa Rostock wirkte im Ostseestadion von Beginn an verkrampft. Der HSV dagegen, unter Trainer Thomas Doll auswärts noch unbesiegt, trat kämpferisch und selbstbewusst auf. Die Hamburger spielten engagiert nach vorne und gingen folgerichtig in Führung. Nach einer Freistoßflanke von Beinlich war Benjamin am Fünfmeterraum völlig frei und köpfte zum 1:0 ein (20.). In der Folgezeit bemühten sich die Rostocker um den Ausgleich, hatten aber spielerisch zu wenig zu bieten. Der HSV blieb bei seinen Kontern gefährlicher und wurde von der Rostocker Hintermannschaft förmlich zum Toreschießen eingeladen. So war das 2:0 für die Hamburger nur eine Frage der Zeit. Boulahrouz bediente Jarolim, der aus zehn Metern halbrechter Position abzog. Hill fälschte das Leder noch unglücklich ab, so dass es unhaltbar für Schober im rechten unteren Eck einschlug (35.). Wenig später kam es noch bitterer für den Tabellenletzten. Takahara wurde an der Strafraumgrenze angespielt, nahm den Ball auf, drehte sich um die eigene Achse und schoss die Kugel sehenswert in den rechten Winkel.

Rostocks Trainer Juri Schlünz verzichtete zur Pause etwas überraschend auf einen Wechsel und ließ wie sein Gegenüber Thomas Doll dieselbe Elf weiterspielen wie in Hälfte eins. Unverändert lief auch die Partie weiter. Es dauerte nur zwei Minuten bis die Hamburger den nächsten Treffer landen konnten, ohne sich dafür sonderlich anstrengen zu müssen. Barbarez setzte sich auf der rechten Seite durch und brachte den Ball auf den völlig freistehenden Moreira. Der nahm das Leder direkt ab und schob es mühelos aus vier Metern an Schober vorbei ins Tor. Die Rostocker präsentierten sich im weiteren Verlauf hilf- und ideenlos und spielten wie ein Absteiger. Negativer Höhepunkt war das 0:5, als Lantz völlig ohne Not Jarolim bediente, der in den Strafraum spazieren, Schober tunneln und damit seinen zweiten Treffer erzielen durfte. Und der Horror nahm kein Ende für Hansa. Auch der kurz zuvor eingewechselte Romeo durfte nach einer Barbarez-Flanke noch seinen Treffer markieren (83.). Ein äußerst bitterer Abend für Juri Schlünz. 

Die Rostocker, die nun schon sechs Punkte Rückstand auf einem Nicht-Abstiegsplatz aufweisen, verloren nicht nur ihr siebtes Heimspiel der laufenden Saison, sondern kassierten auch die höchste Heimniederlage in ihrer Bundesligageschichte überhaupt. Der Hamburger SV dagegen gewann das erste Mal seit 1999 wieder im Ostseestadion und konnte seinen Aufwärtstrend unter Coach Thomas Doll in überzeugender Manier fortsetzen. 
 

Spielereignisse im Detail
Schlusspfiff 
 
83
 Es nimmt einfach kein Ende. Flanke aus halblinker Position von Barbarez, in der Mitte steigt der eingewechselte Romeo am höchsten und markiert das 6:0! 
 
75 Hier ist natürlich alles gelaufen. Die beiden Teams tun sich nicht mehr weh. Ein bitterer Abend für Juri Schlünz 
 
63
 Der Hansa-Horror geht weiter. Rostocks Lantz bedient Jarolim, der in den Strafraum spazieren darf, den armen Schober tunnelt und seinen zweiten Treffer erzielt. 
 
61 Es passiert kaum etwas im Ostseestadion. Hansa ist völlig demoralisiert, der HSV vertreibt sich die Zeit mit ein paar technischen Kabinettsstückchen. 
 
55 Hansa präsentiert sich hilflos. Die Rostocker Fans können einem leid tun. Der HSV ist dem 5:0 näher, als Hansa dem 1:4. 
 
47
 Es geht weiter wie gehabt. Tor für den HSV! 4:0! Barbarez setzt sich auf der rechten Seite durch, bringt den Ball flach nach innen zu Moreira, der keinerlei Mühe hat aus vier Metern einzuschieben. 
 
  Anpfiff 2. Halbzeit 
 
45 Kann Hansa hier noch etwas ausrichten? Wer die erste Halbzeit gesehen hat, glaubt nicht mehr daran, zu schwach sind die Schlünz-Schützlinge aufgetreten. 
 
  Halbzeitpause 
 
  Abpfiff 1. Halbzeit 
 
42
 Hansa bricht auseinander. Takahara dreht sich an der Strafraumgrenze um die eigene Achse und haut das Leder unhaltbar in den rechten oberen Winkel. 
 
41 Was ist nur mit Hansa los? Erneut ist ein Hamburger, diesmal Beinlich frei und scheitert mit seinem Linksschuss aus acht Metern nur knapp an Torhüter Schober. 
 
35
 Das 2:0 für den HSV! Von Bouhlahrouz frei gespielt zieht Jarolim aus 10 Metern halbrechter Position ab. Der Ball wird von Hill noch abgefälscht und schlägt unhaltbar für Schober im rechten unteren Eck ein. 
 
30 Die Rostocker wollen den Ausgleich, haben aber spielerisch bislang wenig zu bieten. Der HSV ist bei seinen Kontern gefährlicher. 
 
20
 Nach einer Freistoßflanke von Beinlich von der rechten Seite setzt sich Benjamin am Fünfmeterraum durch und köpft zur Führung für den HSV ein. 
 
11 Jetzt ist Barbarez auf der linken Seite durch und schießt aus spitzem Winkel haarscharf am linken Pfosten vorbei. 
 
9 Van Buyten erzielt mit dem Kopf die Führung für die Hamburger, doch Schiedsrichter Jürgen Jansen hat ein Foul gesehen und erkennt den Treffer nicht an. 
 
1 Herzlich Willkommen im Ostseestadion. Rostock will heute unbedingt den ersten Heimsieg einfahren. 
 
Anpfiff 


 
 
dpa: Hansas historisches 0:6-Heimdebakel: Schlünz geht

Von Sandra Degenhardt, dpa

Rostock (dpa) - Nach der höchsten Bundesliga-Heimpleite des FC Hansa Rostock hat Trainer Juri Schlünz die Konsequenzen gezogen und seinen Rücktritt erklärt. «Ich übernehme die Verantwortung», sagte die seit 30 Jahren dem Club angehörende Kultfigur nach dem 0:6- Debakel gegen den Hamburger SV. 

«Das war eine Offenbarung und den Fans nicht zuzumuten. Ich möchte das Vertrauen, das bisher in mich gesetzt wurde, nicht weiter missbrauchen», wählte der 43-Jährige drastische Worte. Zuvor hatte seine Mannschaft eine erbärmliche Vorstellung abgeliefert. Collin Benjamin (20. Minute), David Jarolim (35./63.), Naohiro Takahara (42.), Moreira di Silva (47.) und Bernardo Romeo (83.) besiegelten vor 18 000 Zuschauern den ersten Sieg der Hamburger im Rostocker Ostseestadion seit dem 21. März 1999.

«Wenn wir sehen, wie das hier zu Stande gekommen ist - da fehlen einem die Worte», meinte der Vorstandsvorsitzende Manfred Wimmer schon zur Pause. «Es kam alles anders, als wir es uns vorgenommen hatten.» Ihn und Aufsichtsrats-Chef Horst Klinkmann hatte Schlünz nach dem Abpfiff um ein Gespräch gebeten, bei dem er seine Entscheidung bekanntgab. Es war der vierte Trainerwechsel in der Saison.

Während Hansa mit acht Punkten Schlusslicht bleibt, wittert der HSV (16) unter dem früheren Rostocker Thomas Doll wieder Höhenluft. «Das tut schon etwas weh, schließlich habe ich ja früher in Rostock gespielt», gab HSV-Coach Doll zu, der von 1984 bis 1986 gemeinsam mit Schlünz in der DDR-Oberliga bei Hansa gekickt hatte. Von einem Hamburger Höhenflug wollte er trotz des Kantersiegs aber nichts wissen: «Wir haben heute einen kleinen Schritt nach vorn gemacht, aber wir müssen die Kirche im Dorf lassen.»

Schon in der Startphase jubelten beide Mannschaften über das vermeintliche Führungstor, doch Schiedsrichter Jürgen Jansen (Essen) erkannte die Treffer wegen Abseits bzw. Foulspiels nicht an. Das nächste Achtungszeichen setzte HSV-Spielmacher Sergej Barbarez, dessen Schrägschuss knapp am langen Pfosten vorbeisegelte (10.).

Die Gäste übernahmen nach der kurzen Start-Offensive der Rostocker die Initiative, machten schon im Mittelfeld viel Druck und ließen die Bälle wie am Schnürchen laufen. Der Lohn war die Führung durch den sieben Minuten zuvor eingewechselten Benjamin, der eine Freistoßflanke von Stefan Beinlich mit einem wuchtigen Kopfstoß verwandelte. Jarolim hatte nach einem überfallartigen HSV-Konter sogar das 2:0 auf dem Fuß (26.), Hansa-Torwart Matthias Schober konnte mit letztem Einsatz klären.

Rostock musste nach dem 0:1 alles auf eine Karte setzen - doch die drei Angriffs-Trümpfe Magnus Arvidsson, Antonio Di Salvo und Rade Prica stachen einfach nicht; zudem war die Abwehr ein Torso. Die Hamburger lauerten zunächst auf Konter und machten das Spiel dann allein. Barbarez vergab die Chance zum möglichen 4:0 (40.) - Moreira nutzte sie nach der Pause eiskalt. Antonio Di Salvo konnte im Gefühl des Untergangs selbst eine «hundertprozentige» Chance der Rostocker zum Ehrentreffer (85.) nicht nutzen.


 
 
sport1: 
Schlünz-Rücktritt nach Debakel

Abpfiif in Rostock, Abpfiff für Juri Schlünz.
Wortlos stapfte der Trainer von Hansa Rostock nach dem historischen 0:6 (0:3)-Debakel gegen den Hamburger SV in die Kabine.
"Wir haben zu wenig Punkte und katastrophal gespielt", sagte der blasse Schlünz eine halbe Stunde später.
"Deshalb habe ich nach dem Spiel zum Gespräch gebeten, ich möchte die Verantwortung dafür übernehmen", so der 43-Jährige. "Deshalb habe ich mein Amt zur Verfügung gestellt."

Nachfolge noch unklar
"Ich werden den Spieler sagen, was sie da angerichtet haben", erklärte der Vorstandsvorsitzende Manfred Wimmer, "die Entscheidung von Juri ist mir unter die Haut gegangen."
Auf einen möglichen Nachfolger angesprochen, meinte er: "Wir haben nichts vorbereitet, wir wollten nicht spekulieren. Wir sind ab Montag gefordert."
         
Pagelsdorf und Röber als Kandidaten
Als mögliche Kandidaten gelten die einstigene Hansa-Trainer Frank Pagelsdorf und Uwe Reinders sowie Jürgen Röber. Zunächst werden die Co-Trainer Wolfgang Funkel und Perry Bräutigam das Training leiten.
Keine leichte Aufgabe, denn die Mecklenburger stehen mit acht Punkten auf dem letzten Tabellenplatz und haben schon sechs Zähler Abstand zum rettenden Ufer. Und als nächstes geht es zur Hertha nach Berlin.
Das 0:6 war zudem die höchste Niederlage in der Bundesliga-Geschichte der Rostocker. Aber noch erschreckender als das Ergebnis war die Art und Weise, wie es zustande kam. 

"Das war eine Offenbarung"
"Das war eine Offenbarung, das können wir den Fans nicht zumuten. Alle standen immer hinter mir, aber ich möchte das Vertrauen nicht missbrauchen", meinte Schlünz, der seit 37 Jahren bei Hansa Mitglied ist.
Kapitän Mathias Schober stellte sich als einziger Spieler nach der Partie. "Wenn der Trainer hinschmeißt, ist das auch eine Niederlage für die Mannschaft", stellte der betroffene Torwart fest. 

Individuelle Fehler
Individuelle Fehler, besonders in der Abwehr, machten es dem HSV leicht. Beim 0:1 durch Collin Benjamin und 0:3 durch Naohiro Takahara (42.) war die Hansa-Abwehr zu passiv, beim 0:2 durch Jarolim (35.) fälschte Verteidiger Delano Hill unglücklich ab.
Schon zur Halbzeit sagte Wimmer: "Wenn man sieht, wie die Tore zu Stande gekommen sind, da fehlen einem die Worte."

Auflösungserscheinungen in der zweiten Hälfte
Doch es sollte noch schlimmer kommen. Morereia da Silva (47.), David Jarolim (63.) und Bernado Romeo (82.) schossen den Kantersieg heraus. Symptomatisch die Szene vor dem 0:5 durch David Jarolim, als Marcus Lantz mit einem katastrophalen Fehlpass am eigenen Strafraum den Treffer einleitete. 
In der zweiten Hälfte gab es kaum noch Gegenwehr von Hansa, HSV-Abwehrspieler Daniel van Buyten konnte mehrfach ungestört 30, 40 Meter mit dem Ball über den Platz marschieren.
Aufsichtsrats-Boss Professor Horst Klinkmann sprach nach dem Spiel von "einer der schwärzesten Stunden, die ich in 35 Jahren Vereinszugehörigkeit erlebt habe".

Mitleid vom Gegner
Auch der Gegner zeigte Mitgefühl. "Mit tut es schon sehr leid. Ich hatte hier schöne Jahre", sagte HSV-Trainer Thomas Doll, der mit seinem Team nun auf Tabellenplatz zwölf steht.
Doll und Schlünz sind befreundet und spielten von 1984 bis 1986 gemeinsam für Hansa in der DDR-Oberliga. Noch unmittelbar nach dem Spiel hatte der Ex-Nationalspieler gesagt: "Ich hoffe, dass der Juri weitermacht, er gehört hier hin."
Doch da hatte Schlünz schon seine Entscheidung getroffen. Nun taumeln die Rostocker ohne Trainer in Richtung Zweite Liga.
 

Daten: Hansa auf Tasmanias Spuren
 
Selbstbedienungsladen
Für Rostock war es die siebte Niederlage im siebten Heimspiel der Saison. In 41 Jahren Bundesliga gab es nur ein Team, das mehr Heimniederlagen in Folge zuließ: Tasmania Berlin verlor 1965 zu Hause acht Mal hintereinander. 

Tiefpunkt für Schlünz
Erstmals unter Trainer Juri Schlünz verlor Hansa fünf Bundesligaspiele in Folge.

Rekordniederlage
Rostock kassierte die höchste Niederlage seiner Bundesligageschichte.

Rekordsieg
Noch nie gewann der HSV auswärts höher als 6:0; dieses Ergebnis brachte man zum vierten Mal mit an die Elbe.

Jeder zweite Schuss ein Treffer
Der HSV kam in Rostock nur zwölf Mal zum Torschuss, doch da die Hamburger jedes Mal fast unbedrängt zum Abschluss kamen, lag die Trefferquote bei 50 Prozent!

Vorbereiter Barbarez
Sergej Barbarez spielte zwar für Emile Mpenza im Sturm, blieb aber seiner Vorbereiterrolle aus dem Mittelfeld treu. Zu zwei Hamburger Treffern leistete er die Vorarbeit, gewann zudem 71 Prozent seiner Duelle gegen überforderte Rostocker Abwehrspieler.

Nicht stattgefunden
Als einer von drei Stürmern aufgeboten, leistete Magnus Arvidsson einen fußballerischen Offenbarungseid. Der Schwede war nicht an einem Torschuss beteiligt und gewann nur einen einzigen seiner 14 Zweikämpfe - das entspricht lausigen sieben Prozent!

Solide Arbeit
Vorne glänzten Jarolim und Co, doch auch in der Defensive hatte der HSV Akteure, die Hansa souverän in Schach hielten. Rene Klingbeil zum Beispiel hatte mit Magnus Arvidsson und den anderen Rostocker Offensivkräften nicht die geringste Mühe und leistete mit 73 Prozent gewonnenen Zweikämpfen beste Abwehrarbeit. Stark für einen, der vor wenigen Wochen noch in der Regionalliga sein Dasein fristete.